25. Februar 2012 - 11:21 Uhr
ich habe angst allein zu sein, angst einsam zu sein, erfolglos, nicht gebraucht, etwas falsch zu machen, vor zu viel aktionismus, vor fehler, vor angst, vor irrationalen dingen, die es in meinem kopf gibt, davor, dass das traurigsein nicht endet, manchmal vor meiner eigenen courage, vor entscheidungen, vor spinnen und käfern, vorm zerbrechen und zerbröseln, vor dem moment des aufgebens, vor kraftlosigkeit. ich habe angst nicht geliebt zu sein, nicht genug zu tun, nicht dieses oder jenes zu sein. ich habe angst vor enge, vor höhe, vor nadeln, vor kontrollverlust. angst etwas vergessen zu haben, alt und gebrechlich und kautzig zu werden. ich habe angst zu sterben, vor der art des sterbens und vor dem leiden und schmerz. ich habe angst, das mir mangelndes glauben an etwas, das alles viel schwerer machen wird. ich habe angst, nicht loslassen zu können - oder zu schnell los zu lassen. ich habe angst, dass ich dann alleine bin - und gleichzeitig, dass ich jemandem zur last falle.
ich denke an möglichkeiten und “was wenn”-geschichten. ich habe eine rohfassung einer patientenverfügung und einen organspendeausweis. ich möchte anonym beerdigt werden, damit niemand das grab pflegen muss.
ich hoffe, ich werde von jemandem so geliebt, dass er, wenn es notwendig sein wird und ich mich nicht mehr in meinem körper befinde, aber dieser noch “am leben ist”, den mut hat und die möglichkeiten und die gewisse dummheit besitzt, das für mich zu beenden. ich hoffe, mir wischte jemand dann den sabber ein letztes mal aus dem gesicht, küsst mich auf den kopf und befreit das, was übrig ist.
aber das sind extremfälle und es gibt deutlich mehr spielraum, bei dem ich nicht genau weiß, was ich machen würde.
ich habe vor einer woche brustabwärts das gefühl gehabt mein körper sei eingeschlafen, beine, po, bauch, rücken. ich habe mir bis donnerstag hervorragend einreden können, dass es allein wieder weggeht, dass das nur ein nerv ist, das wird wieder! und dam kam die angst, griff mich und zerrte mich in ihre höhle.
hausarzt, notaufnahme, neurologische erstuntersuchung. stationäre aufnahme. es könne alles sein, beginnend beim bandscheibenvorfall - es gibt nur das eine symptom. viel mehr sagen sie nicht und ordnen zwei MRTs an. das erste gleich am abend: hals- und brustwirbelsäule. am morgen dann kopf.
eine nacht ohne befunde.
man fragt nach meinem notfallkontakt. ich denke alles durch. an jeden. lasse die zeile frei. “wirklich?” “ja.” “sind sie sicher?” “ja.” “haben sie wirklich niemanden?” “doch, aber darum geht es doch nicht.” ich will nicht, dass jemand den ich sehr liebe, meine reste im “trauerraum” einsammeln muss. dass irgendwer kommt, weil ich es will, und entscheidet, was ich nicht mehr kann. ich will einfach darüber nicht nachdenken, wem ich das aufbürden würde. es ist das erste mal in 27 jahren, das ich die entscheidung treffe etwas nicht zu denken, nicht nachdenken. und es geht. es bleibt etwas widersprüchlich zu anderen dingen - aber das kann ich nicht auflösen.
n. ist da, bringt mir kleidung. ich bekomme und schreibe hunderte nachrichten. das lenkt ab. aber nichts lenkt dich gut genug von der möglichkeit ab, dass etwas in deinem kopf sein könnte, das dort nicht hingehört - dass etwas ist, was machen kann, dass du dich verlierst. n. geht. es gibt keine betten, also liege ich schlaflos auf dem flur und höre menschen schnarchen. lasse mir ohropax geben, ertrage es aber nur kurz, so nah bei mir zu sein. atmen, herzschlag: lebendigkeit. vielleicht ist es etwas im rücken. vielleicht wäre ich gelähmt, brustabwärts, aber das lässt noch leben zu, also so, wie ich denke, dass es noch qualität genug besitzt. der kurze gedanke: es ist so wertvoll! - und wieder: nein, nicht um jeden preis. uneinigkeit mit mir.
ich habe ein paar stundenlang, als es dunkel und ruhig ist, den gedanken, dass ich mich im letzten moment doch entschließen müsste einfach wahnsinnig zu werden, dann wäre es auch egal. und endliche stunden und runden im kopf und so sehr wach und klar und bei mir und: relativiert. am nächsten morgen das kopf-mrt. sehr langes warten in der kleinen umkleidekabine. krankenhaushemdchen. socken, untewäsche, kein metall. der stuhl ist so hart, dass mein po wirklich einschläft - es dringt durch das taube gefühl, was ich unverändert habe. hinnehmen, heulen, sehr, sehr heulen und zittern und dann ist es auf einmal gut. warten. klimaanlagenrauschen.
zwei unterchriften später, ohropax, kopf im käfig - augen zu. es geht los. es hört sich nicht mehr so bedrohlich an wie die letzten mrts. da war ja die kniesache vor zwei monaten…knie. hm. könnte man auch mal wieder drüber nachdenken…sollte zum chirurgen und zur physio — nichts ist weiter weg, als das knie, als die angst darum. arthroseaussicht in 15 jahren, wenn nichts gemacht wird. “15 verf*ckte jahre! alter!” denke ich und fühle in mich. das wär ok. alles, im jahresbereich wär ok. alles darunter würde schlichtweg nur dazu führen, dass ich - ja…was würde ich machen? ich führe ans meer. aber alles andere wäre…zu schmerzlich, weil man erinnerungen schaffen würde, die nicht erinnert werden.
30minuten - man schickt mich zurück. b. ist da und müde. sitzen, warten, kommunikation.
lumbalfunktion. erster stich geht daneben. das gefühl ist unvergleichbar. mein absurd desolates knie mit fraktur und gerissenen sehnen: ein sonntagsspaziergang im frühling mit eis und schmetterlingen! es ist, als würde jemand auf einer zahnwurzel herumkratzen - zur im unteren rückenbereich - und der schmerz zieht von den schultern bis in die zehenspitzen. immerhin weiß ich, dass das taubheitsgefühl zwar noch da ist, aber nur oberflächlich zu sein scheint. “das machen wir nochmal!”. es bringt mich zum wimmern und weinen, der schmerz ist unbeschreiblich. sie trifft nichts, aber es blutet sehr. der schmerz der zurückbleibt, als sie die nadel aus meinem rücken zieht ist fast entspannend. 8 stundenlang werde ich nicht auf dem rücken liegen können, atmen tut weh. dritter versuch. ihr kollege sticht mir finger in die seite und drückt auf mir herum - erfolglos. dann montag, mit radiologischer unterstützung.
b. ist da. ich weine hemmunglos. man habe auf dem rücken-mrt nichts gefunden. “unaufällig”. ein paar stunden verbringe ich mit der dumpfen gewissheit, dass es dann etwas in meinem kopf sein muss.
man nimmt mir blut ab, ekg, blutdruck.
essen. kaffee. atmen. wegdenken.
eine schwester schiebt einen tropf in mein zimmer und greift einfach nach meiner hand. ich weigere mich etwas an mich anschließen zu lassen, ohne zu wissen, was es ist. “oh, na dann hol ich mal die ärztin!”.
und ebenjene sagt mir, dass das mrt meines kopfes vollkommen tumorfrei ist, dass man aber deswegen die bilder des rücken-mrts nochmal zur radiologie gab und der oberarzt dort fand einen sehr kleinen entzündungsherd. kortisonstoßtherapie, 5 tage. mit der lumbalfunktion würde man dann wissen, was die ursache ist. es kann ms sein, aber ohne optische einschränkungen sei das eher ungewöhnlich. meningitis. aber ohne zeckenstiche wäre das auch eher keine option. autoimmunreaktion, bakterielle infektionen, viren.
ich werde nichts davon googeln, entscheide ich in dem moment. c. kommt und ich befinde mich in einem zustand bekloppter freude: kein tumor! mein vater ruft an, will kommen und seine frau mitbringen - der moment erlaubt es ihm. meine mutter wird diese nacht schlafen. l. ruft abends an -erleichterung. c. in asien auch. die facebookentourage kann scherzen und ich könnte schlafen, hinge da nicht die infusion an mir, die nicht gut läuft. dann tropft es, dann ist der zugang hin. wird entfernt. morgen ein neuer. immerhin fast 700ml von 1000 in mir. wird reichen. man gibt mir schlafmittel und tatsächlich schaffe ich 4 stunden zu schlafen. der erste körpercheck verrrät: alles noch wie eingeschlafen, aber ich fühle am bauch, das erste mal seit einer woche, meine eigene warme hand.
leises lächeln.
danke.